Der Uli Hoeneß von Fischeln

Thomas Schlösser gilt in Krefeld als „Mr. VfR“. In seinen 45 Jahren beim VfR Fischeln war er beispielsweise als Fußballer, Stadionsprecher und Betreuer tätig. Inzwischen ist er Präsident. Wechseln würde er nur zu einem ganz bestimmten Verein.
Wenn Thomas Schlösser nach einem seiner ganz persönlichen Höhepunkte gefragt wird, dann antwortet er wie aus der Pistole geschossen: „Das war am 11. September 2009. Wir spielen gegen den KFC Uerdingen vor 7504 Zuschauern in der Grotenburg, das Spiel geht 1:1 aus. Ich war am nächsten Morgen um 8 Uhr früh wieder zuhause.“ Wir, das ist in diesem Fall der VfR Fischeln. Sein Verein, ein Stück Heimat, ein Stück Leben, fast wie ein eigenes Kind.

„Mr. VfR“, so lautet sein Spitzname. Mit sieben Jahren, als Steppke, hatte ihn sein Vater Willi im Krefelder Klub angemeldet. Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft war soeben Dritter bei der WM 1970 in Mexiko geworden, und für den großgewachsenen Jungen mit der ebenso großen Klappe gab es „keine gescheite Sportart außer Fußball. Das habe ich von morgens bis abends gespielt“, erzählt Thomas Schlösser. Und gar nicht mal so übel. In die Kreisauswahl hat er es gebracht, auch in den erweiterten Kader der Niederrheinauswahl. „Vermutlich aber hauptsächlich, weil ich ein ganzes Stück größer war als die anderen Kinder meines Jahrgangs“, sagt der 53-Jährige.

Vielleicht aber auch, weil er schon als Kind nicht auf den Mund gefallen war. „Eigentlich war ich als Kind ein Arschloch, ein ziemlicher Großkotz“, sagt Schlösser, der nach wie vor ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein an den Tag legt und dadurch in der Krefelder Fußballszene polarisiert. Als in diesem Jahr etwa der KFC Uerdingen sein Heimspiel in der Oberliga gegen „seinen“ VfR spielte und das Spiel nicht wie bislang gemeinsam ausrichten wollte, da ließ er das Rückspiel auf der Fischelner Bezirkssportanlage austragen – zum ersten Mal in der Derbygeschichte zwischen den beiden Klubs und allen Sicherheitsbedenken zum Trotz.

Passiert ist nichts. Zwar unterlag sein VfR dem KFC, doch der ist Tabellenführer der Oberliga und strebt mit aller Macht die Rückkehr in die Regionalliga an. Thomas Schlösser ist ein echtes Fischelner Urgestein. „Es gibt keinen Verein in Fischeln, in dem ich nicht Mitglied bin. Schwerpunkte liegen allerdings beim VfR und bei den Schützen“, sagt er. Mit 23 Jahren (und exakt 25 Jahre danach noch einmal) war er jüngster Schützenkönig im Ort „seit dem Jahr 1451“. Als die Traditionsgaststätte im Ort, der Burghof Gietz, geschlossen werden sollte, da tat er sich mit einem Dutzend Gleichgesinnter zusammen, um die Räume zu kaufen, „das war für mich Ehrensache, weil der Gasthof zu Fischeln gehört“.

Seit 1997 steht er dem Mehrspartenverein vor, als Nachfolger seines Vaters, der 1984 den Dienst beim VfR angetreten hatte. Sohn Thomas wurde zur selben Zeit Obmann, war zuvor aber schon Betreuer der ersten Mannschaft. „Mit 15, 16 habe ich für die Mannschaft den allerersten von einem Sponsor bezahlten Trainingsanzug besorgt“, sagt Schlösser. Seither gibt es kaum einen Job, den er noch nicht zumindest eine Weile lang bei den Fischelnern ausgeübt hat – bis hin zum „Stadionsprecher“ auf der Bezirkssportanlage, wo er fast jeden Besucher persönlich begrüßt oder diejenigen per Lautsprecherdurchsage willkommen heißt, deren Name schon mindestens einmal in der Zeitung gestanden hat.

Rund 1100 Mitglieder hat der VfR Fischeln inzwischen, sechs Senioren- und 21 Jugendmannschaften treten in den grün-weißen Trikots an. Die erste Mannschaft spielt in der Oberliga, wurde in der vergangenen Spielzeit Sechster – der größte Erfolg in der Vereinsgeschichte. Und undenkbar noch zu der Zeit, als er die Geschicke des VfR mit in die Hand genommen hatte. „Als ich angefangen habe, hatte der Zaun rund um den Sportplatz mehr Löcher als Draht“, sagt er. Inzwischen ziert nicht nur ein neuer Zaun, sondern auch ein Kunstrasenplatz die Sportanlage Kölner Straße. Der Verein hat, zum Teil in Eigenregie, ein schmuckes Klubhaus erbaut, und die Fußballabteilung ist die größte in ganz Krefeld.

Beruflich arbeitet er als Managing Director im Konsortium von Pentair, ist zuständig für Zentral-Europa und die Beneluxländer. Da geht er seiner Heimatstadt fremd, liegt doch sein Arbeitsplatz in Mönchengladbach. Aber außerhalb des Berufs gäbe es für ihn nur einen Grund, seine Heimat in Fischeln zu verlassen – „wenn Uli Hoeneß mich persönlich zum FC Bayern München berufen würde“, sagt Thomas Schlösser.

Er hofft, dass zumindest der umgekehrte Weg ihm einmal gelingen wird: Einmal im Jahr schreibt er einen Brief an die großen Bayern aus München. Sein Traum ist, ein Freundschaftsspiel gegen den Deutschen Rekordmeister zu bekommen. „Vielleicht klappt es ja irgendwann“, sagt Schlösser.

Es wäre für ihn ein weiterer ganz persönlicher Höhepunkt.

Quelle: fupa